„Verhüllen – Enthüllen – Entdecken“

Ist das nicht komisch? Gerade in der Fastenzeit, in der das Leiden und Sterben Jesu im Mittelpunkt unserer Feiern steht, wird in vielen Kirchen das Kreuz verhüllt. Was hat das für einen Sinn?

Wir Menschen sind „Gewohnheitstiere“ und haben uns an die vielen Kreuze in unseren Kirchen gewöhnt. Manche Nichtgläubige und Andersgläubige regt das Kreuz noch auf. Sie wollen es daher z.B. aus unseren Schulen entfernen.

Weil es uns Christen nicht mehr aufregt, wird es in der Fastenzeit verhüllt, nicht dass wir es vergessen und verleugnen, sondern dass wir wieder neu darauf aufmerksam werden.

Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund haben moderne Künstler ganze Gebäude eingehüllt. Künstler wollen auch die Menschen aus ihrer Gewöhnung herausreißen und wachrütteln. Wenn das Verhüllte dann wieder enthüllt wird, sehen wir es mit neuen Augen.

Das sind Symbolhandlungen, die uns hinweisen auf eine Wirklichkeit, die wir entdecken sollen.

Trotz medialer Berichterstattung verdrängen wir die Wirklichkeit des unermesslichen Leidens von Millionen Menschen auf dieser Welt. An die Bilder aus den Kriegs- und Hungergebieten haben wir uns schon so gewöhnt, dass wir auch spektakuläre Symbolhandlungen bräuchten, die uns aus unserer Gewöhnung herausreißen, damit wir unter der riesigen Kluft zwischen Arm und Reich wirklich zu leiden beginnen und zu wirksamen Taten bewegt werden.

Aber auch an das Leiden vieler Menschen in unserem Land haben wir uns gewöhnt.  Es rührt uns nicht wirklich, solange es uns nicht selbst trifft. Vielleicht müssten Aktionskünstler einmal ein Krankenhaus oder ein Altenheim verhüllen, damit wir mehr darauf aufmerksam werden.

Die Verhüllung des Kreuzes soll uns aber auf eine noch tiefere Wirklichkeit aufmerksam machen. Für Menschen, die tiefer sehen, sind Leiden und Tod nicht sinnlos, sondern haben erlösende Wirkung.

Dafür steht das Kreuz Jesu. Weil Jesus für seine Überzeugung Leiden und Tod auf sich genommen hat, wurden vielen Menschen die Augen geöffnet und ist daraus neues Leben entstanden.

Es gibt Menschen, von denen wir zumindest vordergründig sagen: Gut, dass er tot ist, jetzt kann er wenigstens nicht noch mehr Unheil anrichten. Solche Tode sind eine Katastrophe. Sie hinterlassen auch nicht selten ein Chaos.

Und es gibt unzählige Beispiele der Lebenshingabe von Menschen, die oft erst durch ihren Tod neues Leben, neue Einsichten, neue Aufbrüche ausgelöst haben.

Es gibt berührende Beispiele von Menschen, die durch ihr Ja zu ihrem Leiden, zu ihrer Behinderung vorleben, dass das Leben mehr ist, als gesund, tüchtig und erfolgreich zu sein.

Alle diese Menschen wirken erlösend auf andere Menschen und enthüllen eine tiefere Wirklichkeit, die es für uns alle zu entdecken gilt.

Wenn in unserer Kirche in der Fastenzeit ein Tuch das Kreuz verhüllt, soll es für uns alle ein Anstoß sein, in der Betrachtung des Leidens und Sterbens Jesu den erlösenden Sinn von Leiden und Tod zu entdecken.

 

Pfarrprovisor Josef Mayr